Heute beginne ich zu schreiben, weil ich nicht mehr schweigen will.
Ich habe mich gewehrt. Immer wieder. Ich habe versucht, für mich einzustehen, Antworten zu finden und mein Leben selbst zu bestimmen.
Doch ich hatte oft das Gefühl, gegen Kräfte anzukämpfen, die größer waren als ich. Immer wenn ich glaubte, einen Schritt nach vorn gemacht zu haben, geschah etwas, das mich wieder zurückwarf. Vieles wirkte auf mich, als würde es ineinandergreifen – so, als würde sich alles gegen mich richten.
Jahrelang habe ich versucht, das allein auszuhalten. Heute entscheide ich mich dafür, nicht mehr zu schweigen.
Ich werde erzählen, was ich erlebt habe. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Jeder Leser soll sich selbst ein Bild machen.
Zwei Tage zwischen Akten, Erinnerungen und der Wahrheit
Manchmal gibt es Tage, an denen man nicht lebt – sondern nur funktioniert.
Die letzten zwei Tage habe ich nicht damit verbracht, nach vorne zu schauen. Ich musste zurück. Zurück zu Dokumenten, Strafakten, E-Mails, Nachrichten und Erinnerungen, die ich eigentlich längst hinter mir lassen wollte.
Mit jeder Seite kamen die Gefühle zurück. Angst. Wut. Enttäuschung. Und diese lähmende Frage: Wie konnte das alles passieren?
Es ist erschreckend, wie schnell ein Mensch an einen Punkt gebracht werden kann, an dem er sich nicht mehr sicher fühlt. An dem jede Nachricht, jeder Brief und jedes neue Dokument den Puls steigen lässt.
Während andere ihr Wochenende genießen, sitze ich zwischen Aktenordnern und versuche, mein eigenes Leben zu verstehen. Ich lese Bedrohungen erneut. Ich arbeite Sachverhalte auf. Ich schreibe mit meinem Anwalt. Ich recherchiere. Ich ordne alles chronologisch, weil irgendwann jedes Detail wichtig sein könnte.
Das kostet Kraft. Mehr Kraft, als viele sich vorstellen können.
Am schlimmsten ist aber nicht die Bürokratie. Es sind die Erinnerungen. Denn hinter jeder Akte steckt ein Moment, in dem ich Angst hatte. Hinter jedem Dokument steckt ein Stück meines Lebens.
Viele sagen: „Lass doch endlich los.“
Aber wie soll man loslassen, wenn man immer wieder gezwungen wird, alles erneut durchzugehen?
Diese zwei Tage haben mir eines gezeigt: Schweigen schützt niemanden. Schweigen macht nur einsam.
Deshalb schreibe ich. Nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern weil ich möchte, dass Menschen verstehen, was solche Situationen mit einem Menschen machen können. Wie tief die Spuren sind, die man von außen oft nicht sieht.
Vielleicht macht dieser Weg mir Angst.
Aber noch mehr Angst macht mir die Vorstellung, nie darüber gesprochen zu haben.
Und genau deshalb werde ich weiterschreiben.
Am 25. Juni 2026 erhielt ich meine Kündigung. Am 8. Juli 2026 folgte die zweite.
Es gibt Tage, die das Leben verändern.
Der 25. Juni 2026 war für mich ein solcher Tag.
Nach 35 Jahren im öffentlichen Dienst erhielt ich meine Kündigung.
Fünfunddreißig Jahre.
Eine Zahl, hinter der unzählige Entscheidungen, Verantwortung, Herausforderungen und Begegnungen stehen. Jahre, in denen ich meinen Beruf nicht nur ausgeübt habe – ich habe ihn gelebt.
Ich habe Verantwortung übernommen, oft weit über das hinaus, was selbstverständlich war. In den vergangenen drei Jahren habe ich regelmäßig rund 60 Stunden pro Woche gearbeitet. Nicht, weil ich musste. Sondern weil ich überzeugt war, dass Führung Verantwortung bedeutet.
Ich habe nie auf Lob gewartet.
Ich habe nie erwartet, dass man mir dankbar ist.
Aber ich habe geglaubt, dass Respekt selbstverständlich sein sollte.
Stattdessen erhielt ich die Kündigung.
Ich versuchte, das Geschehene zu begreifen.
Ich fragte mich, ob 35 Jahre Einsatz wirklich so enden können.
Doch bevor ich überhaupt Zeit hatte, diesen Schlag zu verarbeiten, folgte der nächste.
Am 8. Juli 2026 erhielt ich eine weitere Kündigung.
Ohne Angabe eines Kündigungsgrundes.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie verletzlich ein Mensch werden kann, wenn plötzlich alles wegbricht, woran er geglaubt hat.
Nicht nur der Arbeitsplatz.
Nicht nur die berufliche Aufgabe.
Sondern auch das Vertrauen.
Das Vertrauen, dass Leistung zählt.
Dass Erfahrung zählt.
Dass Loyalität zählt.
Ich saß mit diesen Schreiben in der Hand und fragte mich immer wieder dieselbe Frage:
Wie kann ein Berufsleben nach 35 Jahren so enden?
Ich habe darauf bis heute keine Antwort.
Über die rechtlichen Fragen werde ich an dieser Stelle nicht schreiben. Dafür gibt es das Gericht.
Aber über das, was diese Tage mit mir gemacht haben, darf ich schreiben.
Sie haben mich erschüttert.
Sie haben mich traurig gemacht.
Sie haben mich an mir selbst zweifeln lassen.
Und trotzdem haben sie mir auch etwas gezeigt.
Schweigen verändert nichts.
Deshalb schreibe ich.
Nicht aus Rache.
Nicht aus Bitterkeit.
Sondern weil ich möchte, dass hinter Aktenzeichen, Verfahren und Schlagzeilen wieder der Mensch sichtbar wird.
Der Mensch, der gehofft hat.
Der Mensch, der gekämpft hat.
Und der trotz allem nicht aufgibt.
Ich zerbreche nicht.
So hat alles angefangen
Ich bin 54 Jahre alt und Mutter von vier Kindern.
Wenn ich heute auf mein Berufsleben zurückblicke, sehe ich nicht nur Zahlen, Akten und Entscheidungen. Ich sehe einen Weg, der von Fleiß, Verantwortung und dem festen Willen geprägt war, mich immer weiterzuentwickeln.
Der öffentliche Dienst war für mich nie einfach nur ein Arbeitsplatz. Er war ein großer Teil meines Lebens. Ich habe meine Arbeit gerne gemacht und war stolz darauf, Verantwortung zu übernehmen. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nie mit dem Mindestmaß zufriedengegeben habe. Wenn ich eine Aufgabe übernommen habe, dann mit ganzem Herzen.
Stillstand war für mich keine Option. Deshalb entschied ich mich, den Beschäftigtenlehrgang II zu absolvieren. Wer diesen Lehrgang kennt, weiß, was das bedeutet. Lernen nach Feierabend, an Wochenenden und in jeder freien Minute. Neben Beruf und Familie war das oft eine große Belastung. Trotzdem habe ich durchgehalten, weil ich ein klares Ziel vor Augen hatte.
Mir wurde eine Führungsposition in Aussicht gestellt.
Ich war bereit, diese Verantwortung zu übernehmen, und investierte viel Zeit, Kraft und Energie in meine Ausbildung. Als ich den Lehrgang erfolgreich abgeschlossen hatte, war ich stolz. Nicht nur auf den Abschluss, sondern auch darauf, dass sich die Anstrengungen gelohnt hatten.
Doch dann änderte sich alles.
Nach einem Wechsel an der Spitze des Landratsamtes erhielt ich die Führungsposition nicht. Stattdessen wurde die Stelle mit einem Quereinsteiger besetzt.
Die Enttäuschung war groß.
Was mich jedoch bis heute tief berührt, ist etwas anderes.
Fast das gesamte Team stellte sich hinter mich. Kolleginnen und Kollegen sammelten Unterschriften, führten Gespräche und versuchten alles, um die Entscheidung noch zu ändern. Dieses Vertrauen war für mich von unschätzbarem Wert. Es zeigte mir, dass meine Arbeit gesehen und geschätzt wurde.
Eine Kollegin möchte ich dabei besonders erwähnen.
Sie war die stellvertretende Sachgebietsleiterin und hat mich von Anfang an unermüdlich unterstützt. Sie hat mich immer wieder ermutigt, die Führungsaufgabe zu übernehmen, und fest an meine Fähigkeiten geglaubt. Sie setzte sich mit großem Engagement für mich ein und stand auch dann noch an meiner Seite, als vieles bereits entschieden schien.
Für dieses Vertrauen und diesen Rückhalt bin ich ihr bis heute von Herzen dankbar.
Auch wenn die Entscheidung am Ende nicht mehr geändert wurde, hat mir die Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen gezeigt, dass Leistung, Erfahrung und Menschlichkeit gesehen werden. Das hat mir Kraft gegeben – auch in einer Zeit, in der ich selbst an vielem gezweifelt habe.
Damals wusste ich noch nicht, dass dies erst der Anfang eines Weges war, der mein gesamtes Leben verändern sollte.
Davon erzähle ich im nächsten Beitrag.
Ich war enttäuscht, aber ich wollte mich von dieser Erfahrung nicht entmutigen lassen. Ich liebte meinen Beruf und war überzeugt, dass es irgendwo einen Ort geben musste, an dem meine Erfahrung und mein Engagement geschätzt würden.
Eines Tages wurde ich von einem Bürgermeister einer Nachbargemeinde angesprochen. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, als Geschäftsleitung in seiner Gemeinde zu arbeiten.
Ich musste nicht lange überlegen.
Nach allem, was zuvor geschehen war, hatte ich das Gefühl, dass sich das Blatt endlich wenden würde. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich wieder Hoffnung. Da war jemand, der mir diese verantwortungsvolle Aufgabe zutraute und Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte.
Für mich war das die Chance auf einen Neuanfang. Ich glaubte, endlich angekommen zu sein – an einem Ort, an dem Leistung, Erfahrung und Engagement geschätzt werden.
Voller Zuversicht nahm ich das Angebot an. Ich freute mich auf die neue Aufgabe und war bereit, mein Wissen und meine ganze Erfahrung einzubringen.
Damals konnte ich nicht ahnen, dass diese Entscheidung mein Leben grundlegend verändern würde.
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