Kapitel 7 – Das Tor zur Hölle
Es hatte längst nichts mehr mit einer normalen politischen Auseinandersetzung zu tun. Was sich in Falkenried entwickelte, war für mich zu einem täglichen Kampf geworden, in dem es irgendwann nicht mehr darauf anzukommen schien, was tatsächlich geschehen war, sondern darauf, welche Behauptung sich am lautesten verbreiten ließ. Kaum war ein Vorwurf beantwortet, tauchte der nächste auf. Kaum glaubte ich, eine Angelegenheit endlich geklärt zu haben, wurde sie von einer anderen Seite wieder aufgerollt. Ich hatte zunehmend das Gefühl, nicht mehr einfach meine Arbeit erledigen zu können, sondern mich ständig gegen Angriffe verteidigen zu müssen, die mich persönlich trafen und gleichzeitig die gesamte Verwaltung belasteten.
Besonders im Jahr 2023 nahm diese Entwicklung eine Schärfe an, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte. Immer wieder war öffentlich von einer angeblich massiven Kündigungswelle die Rede. Es wurde behauptet, Beschäftigte würden wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und des unerträglichen Betriebsklimas das Rathaus verlassen. Diese Aussagen verbreiteten sich im Ort und zeichneten das Bild einer Verwaltung, in der offenbar alles aus dem Ruder lief. Und weil ich die Verantwortung für die Geschäftsstelle trug, richtete sich der Vorwurf zwangsläufig auch gegen mich.
Was mich daran so verzweifeln ließ, war nicht allein die Verkürzung und Verzerrung einzelner Behauptungen. Es war vor allem die Tatsache, dass ich vieles nicht öffentlich richtigstellen konnte. Unsere anwaltliche Vertretung hielt fest, dass insgesamt sechs Arbeitsverhältnisse beendet worden waren. Doch daraus eine massive Kündigungswelle abzuleiten, bei der angeblich sämtliche Beschäftigte freiwillig wegen schlechter Arbeitsbedingungen gegangen waren, entsprach nicht den tatsächlichen Umständen. Hinter diesen Personalveränderungen standen unterschiedliche Vorgänge, manche davon hatten ihre Wurzeln bereits in der Zeit vor meiner Verantwortung. Ich kannte Hintergründe, die für eine faire Beurteilung wichtig gewesen wären. Aber ich durfte sie nicht öffentlich ausbreiten, weil es sich um vertrauliche Personalangelegenheiten handelte.
So entstand eine Situation, die mich immer mehr zermürbte. Andere konnten öffentlich Behauptungen über unsere Verwaltung verbreiten, während ich den Schutz der betroffenen Beschäftigten beachten musste. Ich konnte nicht einfach Personalakten öffnen, private Gründe nennen oder vertrauliche Gespräche öffentlich machen, nur um meinen eigenen Ruf zu verteidigen. Ich musste schweigen, obwohl ich wusste, dass dieses Schweigen gegen mich ausgelegt werden konnte. Und je länger diese Situation andauerte, desto mehr schmerzte es mich, dass die Menschen draußen nur einen Teil der Geschichte hörten.
Schließlich sahen wir keinen anderen Weg mehr, als uns anwaltlich gegen konkrete Aussagen zur Wehr zu setzen. Gegen einzelne Gemeinderäte, darunter Lena Hartmann, Stefan Lindner und Thomas Jäger, wurden Unterlassungsaufforderungen ausgesprochen. Es ging um bestimmte Tatsachenbehauptungen, die wir für unzutreffend hielten und deren weitere Verbreitung verhindert werden sollte. Wir wollten niemandem politische Kritik verbieten. Aber auch politische Auseinandersetzungen mussten Grenzen haben, wenn der Ruf von Menschen und die Arbeit einer gesamten Verwaltung betroffen waren.
Doch anstatt dass nun die Frage geklärt wurde, ob die beanstandeten Behauptungen zutrafen, entstand sofort die nächste öffentliche Auseinandersetzung. Plötzlich hieß es, der Bürgermeister wolle Gemeinderäte mundtot machen. Wieder war alles verdreht. Nicht mehr die Behauptungen über unsere Beschäftigten standen im Mittelpunkt, sondern unser Versuch, uns dagegen zu wehren. Wer öffentlich Vorwürfe erhob, konnte sich auf politische Kritik berufen. Wer sich dagegen verteidigte, musste sich rechtfertigen, weshalb er überhaupt rechtliche Schritte unternahm.
Ich begann zu verstehen, dass ich es längst nicht mehr nur mit einzelnen Meinungsverschiedenheiten zu tun hatte. Hinter den Angriffen stand ein politischer Konflikt, der weit zurückreichte und dessen Folgen nun immer stärker auf die Verwaltung und ihre Beschäftigten übergriffen. Die alten Fronten waren verhärtet, und ich wurde zunehmend in einen Kampf hineingezogen, den ich weder begonnen noch gewollt hatte.
Die Wurzeln dieser Auseinandersetzung lagen in der Kommunalpolitik von Falkenried. Lorenz Bergmann war 2014 mit Unterstützung einer politischen Gruppierung zum Bürgermeister gewählt worden. Vor der Kommunalwahl 2020 kam es jedoch zum Bruch. Die Gruppierung wollte ihn nicht erneut als Kandidaten aufstellen. Bergmann trat daraufhin mit einer anderen Wählergemeinschaft an und gewann die Wahl trotzdem, knapp gegen den Kandidaten seiner früheren politischen Weggefährten.
Die Wahl war entschieden, doch der Konflikt blieb bestehen. Die frühere Gruppierung hatte weiterhin erheblichen Einfluss im Gemeinderat, während Bergmann Bürgermeister blieb. Für mich wurde immer deutlicher, dass die Niederlage von 2020 tiefe Verletzungen hinterlassen hatte. Ich konnte mir vorstellen, wie schwer es für manche gewesen sein musste, dass ausgerechnet der Mann, den sie nicht mehr als Kandidaten gewollt hatten, erneut gewählt worden war. Aber ich konnte nicht verstehen, weshalb dieser alte Konflikt Jahre später noch immer die Zusammenarbeit bestimmte.
Was mich besonders belastete, war die Tatsache, dass ich selbst mit der Entstehung dieser politischen Feindschaft nichts zu tun hatte. Ich hatte weder den Wahlkampf geführt noch mich für irgendeine Seite entschieden. Meine Aufgabe war es, die Verwaltung zu leiten und mit den gewählten Vertretern zusammenzuarbeiten. Doch weil ich beruflich eng mit Bergmann zu tun hatte, wurde ich zunehmend als Teil seines politischen Lagers betrachtet. Fachliche Entscheidungen wurden politisch ausgelegt, rechtliche Hinweise als Parteinahme verstanden und Verwaltungsangelegenheiten zum nächsten Anlass für Auseinandersetzungen gemacht.
Ich hatte immer geglaubt, dass man selbst bei unterschiedlichen politischen Überzeugungen noch miteinander arbeiten konnte. Dass es möglich sein musste, zwischen persönlicher Abneigung und der Verantwortung für eine funktionierende Verwaltung zu unterscheiden. In Falkenried erlebte ich jedoch, wie diese Trennung immer weiter verloren ging.
Hinzu kamen anonyme Briefe, öffentliche Anschuldigungen und Diskussionen, die sich im Ort verbreiteten. Besonders die anonymen Schreiben belasteten mich. Ich wusste nicht, wer sie verfasste, wer dahinterstand und ob mir diese Menschen vielleicht am nächsten Tag freundlich begegneten. Das Misstrauen schlich sich langsam in meinen Alltag. Ich begann vorsichtiger zu werden, überlegte genauer, wem ich etwas erzählte, und fragte mich immer häufiger, was aus einem vertraulichen Gespräch später gemacht werden könnte.
Auch der Ton in öffentlichen Diskussionen wurde schärfer. In WhatsApp-Gruppen und anderen Beiträgen wurde über den Bürgermeister teilweise in einer Weise gesprochen, die mich erschreckte. Es wurden historische und militärische Vergleiche gezogen, die mit einer sachlichen kommunalpolitischen Auseinandersetzung nichts mehr zu tun hatten. Es gab Menschen, die solchen Äußerungen widersprachen. Doch für mich zeigte allein die Tatsache, dass solche Worte überhaupt fielen, wie weit sich die Stimmung bereits verändert hatte.
Im November 2023 wollten Beschäftigte des Rathauses und des Kindergartens selbst ein Zeichen setzen. Eine Mitarbeiterin aus der Kämmerei ergriff die Initiative für einen offenen Brief. Darin widersprachen die Beschäftigten den öffentlichen Behauptungen über das angeblich schlechte Arbeitsklima und baten darum, nicht länger in politische Machtkämpfe hineingezogen zu werden.
Dieser Brief war nicht von mir veranlasst worden. Die Beschäftigten wollten selbst sagen, wie sie ihre Arbeitswirklichkeit erlebten. Ich hoffte, dass ihre Worte endlich Gehör finden würden. Denn sie waren diejenigen, über deren Arbeitsbedingungen öffentlich gesprochen wurde, oft ohne dass jemand sie selbst fragte.
Doch auch dieser Brief brachte keine Ruhe. Stattdessen entstand Streit darüber, wer die Unterschriften gesehen hatte und welche Aussagen darüber stimmten. Wieder rückte die eigentliche Botschaft in den Hintergrund. Die Beschäftigten hatten darum gebeten, nicht länger zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen gemacht zu werden, und genau das geschah erneut.
Zu Beginn des Jahres 2024 verschärfte sich die Lage weiter. Am 8. Januar übermittelte ich der Staatsanwaltschaft zusätzliche Unterlagen, darunter anonyme Schreiben und einen WhatsApp-Verlauf. Darin ging es unter anderem um einen Vorschlag von Stefan Lindner, die Unterlassungsaufforderungen gegen Gemeinderäte zurückzunehmen, wenn im Gegenzug auch die Unterlassungsaufforderung gegen mich zurückgenommen würde.
Mich machte dieser Gedanke fassungslos. Für mich ging es darum, ob bestimmte Behauptungen zutrafen und ob wir uns dagegen wehren durften. Nun stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, die verschiedenen rechtlichen Schritte gegeneinander aufzurechnen. Ich wollte aber nicht, dass die ursprünglichen Vorwürfe einfach verschwanden, ohne jemals ernsthaft geklärt worden zu sein.
Gleichzeitig brachten neun Gemeinderäte einen Antrag ein, mit dem die Möglichkeiten des Bürgermeisters eingeschränkt werden sollten, eigenständig Rechtsanwälte zu beauftragen, gerichtliche Schritte einzuleiten oder Rechtsmittel zu ergreifen. Auch das empfand ich als Teil derselben Entwicklung. Erst wurde kritisiert, dass rechtliche Schritte unternommen worden waren, und nun sollte darüber beraten werden, welche Handlungsmöglichkeiten dem Bürgermeister künftig noch offenstehen sollten.
Ich spürte, dass sich etwas zuspitzte. Die politischen Auseinandersetzungen hatten längst eine Atmosphäre geschaffen, in der jede neue Sitzung, jede E-Mail und jede öffentliche Äußerung zum nächsten Konflikt werden konnte. Trotzdem hätte ich mir nicht vorstellen können, was am 18. Januar 2024 geschehen sollte.
An diesem Abend fand eine Gemeinderatssitzung statt, zu der ungefähr siebzig Bürger gekommen waren. Die Stimmung war angespannt. Die politischen Auseinandersetzungen der vergangenen Monate standen im Raum, und es war deutlich, dass viele Menschen mit starken Emotionen in diese Sitzung gegangen waren.
Ich selbst befand mich im Sitzungssaal. Als der öffentliche Teil beendet war, verließen drei Beschäftigte gemeinsam mit Bürgern den Raum. Ich blieb zunächst noch mit dem Bürgermeister und den Gemeinderäten zurück.
Was sich anschließend im Foyer abspielte, habe ich deshalb nicht selbst gesehen. Ich erfuhr erst später davon, als die betroffenen Mitarbeiterinnen und weitere Anwesende schilderten, was geschehen war. Diese Berichte erschütterten mich zutiefst.
Nach ihren Schilderungen wurden Beschäftigte von einer Gruppe von ungefähr zwanzig bis dreißig Menschen umringt, beschimpft und bedrängt. Es sollen Aufforderungen gefallen sein, sie sollten sich schämen oder abhauen. Zwei Mitarbeiterinnen berichteten von einer Situation, in der sie sich bedroht fühlten und das Rathaus nicht einfach unbehelligt verlassen konnten.
Als ich davon erfuhr, konnte ich kaum glauben, dass es so weit gekommen war. Diese Frauen hatten an diesem Abend ihre Arbeit erledigt. Sie waren nicht im Rathaus gewesen, um politische Auseinandersetzungen auszutragen oder sich mit Bürgern zu streiten. Sie hatten Sitzungsdienst und wollten anschließend nach Hause. Stattdessen standen sie nach ihren Schilderungen einer aufgebrachten Gruppe gegenüber, die sie beschimpfte und bedrängte.
Für mich war damit eine Grenze überschritten. Was zuvor vor allem aus öffentlichen Behauptungen, Briefen und politischen Angriffen bestanden hatte, hatte nun Beschäftigte unmittelbar erreicht. Ich dachte daran, wie es sein musste, nach einem langen Arbeitstag das Rathaus verlassen zu wollen und plötzlich von einer Gruppe umringt zu werden. Ich dachte daran, dass diese Menschen am nächsten Morgen wieder zur Arbeit kommen sollten, als wäre nichts geschehen.
Die Polizei wurde eingeschaltet. In den anschließenden Gesprächen kam erneut die Frage auf, wie mit den Unterlassungsaufforderungen umgegangen werden sollte. Nach meiner damaligen Schilderung wurde uns von einem Polizeibeamten geraten, über eine Deeskalation nachzudenken und zu überlegen, ob die Unterlassungsaufforderungen gegen die Gemeinderäte weiterverfolgt werden sollten.
Ich wollte nichts lieber als Ruhe. Aber ich konnte nicht verstehen, weshalb ausgerechnet wir nun auf unsere Gegenwehr verzichten sollten. Sollten wir öffentliche Behauptungen, die wir für falsch hielten, einfach hinnehmen? Sollten wir anonyme Briefe ignorieren und hoffen, dass irgendwann niemand mehr Lust hatte, uns anzugreifen? Ich hatte Angst, dass jedes Nachgeben nicht als Zeichen des Friedens verstanden werden würde, sondern als Bestätigung, dass man mit genügend Druck alles erreichen konnte.
Am 20. Januar wandte ich mich deshalb erneut an die Staatsanwaltschaft. Ich schilderte den Vorfall und bat um eine weitere Einschätzung. Ich wollte wissen, welche Möglichkeiten uns überhaupt noch blieben, wenn die öffentliche Feindseligkeit immer weiter zunahm.
Für mich stand nach dem 18. Januar fest, dass die Verwaltungsgemeinschaft öffentlich Stellung beziehen musste. Ich wollte eine Erklärung, dass Bedrohungen und Übergriffe gegen Beschäftigte nicht geduldet würden. Es ging nicht darum, jemanden vorzuverurteilen oder die strafrechtliche Bewertung vorwegzunehmen. Es ging um eine Haltung, die ich für selbstverständlich hielt: Wer im Rathaus arbeitet, muss seine Aufgaben erfüllen und anschließend unbehelligt nach Hause gehen können.
Doch gerade in den Tagen vor der Sitzung der Gemeinschaftsversammlung am 31. Januar erlebte ich etwas, das mich noch tiefer verletzte.
Während die beiden Mitarbeiterinnen die Ereignisse vom 18. Januar noch verarbeiteten, wurde ausgerechnet Menschen aus jener Gruppe, aus der heraus die Frauen nach ihren Schilderungen angegriffen und bedrängt worden sein sollen, Gelegenheit gegeben, vor der Sitzung ihre Sicht der Dinge darzustellen.
Reinhard Falkenberg kündigte in der WhatsApp-Gruppe der VG-Räte an, dass einige der im Sachvortrag genannten Beteiligten bereit seien, vor der Sitzung mit den Gemeinderäten zu sprechen. Zunächst sollte dieses Treffen vor dem Rathaus stattfinden. Später wurde es in das Nebenzimmer des Sportheims verlegt, wo die Gespräche bereits um 18.45 Uhr beginnen sollten.
Als ich davon erfuhr, war ich fassungslos. Zwei Mitarbeiterinnen hatten berichtet, von einer aufgebrachten Gruppe umringt, beschimpft und bedrängt worden zu sein. Und nun wurde ein Treffen organisiert, bei dem Menschen aus genau dieser Gruppe vor der Sitzung angehört werden sollten.
Ich wusste, dass jeder Mensch das Recht hatte, seine Sicht der Dinge darzustellen. Das wollte ich niemandem absprechen. Aber ich konnte nicht verstehen, weshalb ausgerechnet für diese Personen so schnell ein Gespräch organisiert wurde, während die betroffenen Mitarbeiterinnen noch immer auf ein öffentliches Zeichen der Unterstützung warteten. Für Menschen aus der Gruppe, von der die Bedrängung ausgegangen sein soll, fand man Zeit, einen Treffpunkt und die Bereitschaft, zuzuhören. Für eine klare öffentliche Erklärung zugunsten der eigenen Beschäftigten war diese Bereitschaft nicht erkennbar.
Dieser Gegensatz traf mich tief. Ich empfand es als ungerecht, dass diejenigen, deren Verhalten Gegenstand der Beschwerden war, noch vor der Sitzung Gelegenheit erhalten sollten, ihre Darstellung vorzubringen, während die betroffenen Frauen nicht einmal sicher sein konnten, dass sich die Gemeinschaftsversammlung öffentlich hinter sie stellen würde.
Besonders beunruhigte mich, dass Reinhard Falkenberg ausdrücklich von Beteiligten sprach, die im Sachvortrag genannt waren. Ich fragte ihn deshalb, ob er die Unterlagen weitergegeben habe. Er verneinte dies und verwies darauf, dass die Gemeinderäte den Sachvortrag im Ratsinformationssystem einsehen könnten.
Damit war für mich aber nicht alles geklärt. Ich fragte mich, woher die betreffenden Personen wussten, was in den Unterlagen stand, wer das Treffen organisiert hatte und weshalb es offenbar so wichtig war, gerade diese Beteiligten noch vor der eigentlichen Sitzung anzuhören. Ich konnte nicht nachweisen, dass vertrauliche Unterlagen weitergegeben worden waren. Aber ich wollte wenigstens geklärt wissen, wie mit den Informationen aus den Sitzungsvorlagen umgegangen wurde.
Und wieder war das Landratsamt Hohenfels mit im Spiel.
Ich wandte mich an die Kommunalaufsicht, weil ich wissen wollte, wie dieses Treffen zu bewerten war. Die Antwort machte mich erneut fassungslos. Das Landratsamt erklärte sinngemäß, dass grundsätzlich jede Versammlung stattfinden dürfe und Gemeinderäte selbstverständlich das Recht hätten, sich mit Bürgern auszutauschen.
Aber darum ging es mir doch überhaupt nicht.
Ich wollte niemandem verbieten, sich zu versammeln. Ich wollte auch nicht verhindern, dass Menschen ihre Sicht der Ereignisse schilderten. Ich wollte wissen, weshalb ausgerechnet für Personen aus der Gruppe, die unsere Mitarbeiterinnen nach deren Schilderungen bedrängt hatte, ein eigenes Treffen organisiert wurde, während die betroffenen Frauen auf ein öffentliches Zeichen der Solidarität warteten.
Für mich war das ein weiterer Moment, in dem ich mich mit meiner eigentlichen Sorge allein gelassen fühlte. Ich hatte mich an das Landratsamt gewandt, weil ich mir eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den besonderen Umständen dieses Treffens erhoffte. Stattdessen erhielt ich eine allgemeine Erklärung über das Recht, sich zu versammeln.
Natürlich wusste ich, dass Menschen miteinander sprechen durften. Aber das beantwortete nicht meine Frage. Mich beschäftigte nicht, ob das Treffen grundsätzlich erlaubt war. Mich beschäftigte, welche Haltung dahinterstand und weshalb die Verantwortlichen nicht mit derselben Entschlossenheit ein öffentliches Zeichen für die betroffenen Beschäftigten setzten.
Ich wollte, dass jemand verstand, worum es mir ging. Zwei Frauen hatten von einer bedrängenden Situation berichtet. Sie waren Beschäftigte unserer Verwaltungsgemeinschaft. Sie hatten ihre Arbeit erledigt und wollten nach Hause. Und nun wurden vor der nächsten Sitzung Menschen aus der Gruppe angehört, aus der heraus die Übergriffe erfolgt sein sollen. Das Landratsamt verwies auf die Zulässigkeit des Treffens. Ich aber wollte wissen, wo in dieser ganzen Auseinandersetzung der Schutz und der Rückhalt für unsere Mitarbeiterinnen blieben.
Am 29. Januar erinnerte ich die Gemeinderäte schriftlich an den vertraulichen Umgang mit Sitzungsvorlagen und fügte Informationen zum Datenschutz bei. Ich wollte deutlich machen, dass auch in einer aufgeheizten politischen Auseinandersetzung Regeln galten und dass nicht jede Information, die einem Gemeinderat im Rahmen seiner Tätigkeit zugänglich gemacht wurde, ohne Weiteres an Dritte weitergegeben werden durfte.
Doch selbst daraus entstand der nächste Konflikt.
Lena Hartmann leitete meine E-Mail und eine beigefügte Liste an das Landratsamt Hohenfels weiter und warf die Frage auf, ob ich mit dem Versand möglicherweise gegen Datenschutzvorschriften verstoßen hätte. Im März erhielt ich deshalb eine Anfrage des Landratsamtes und musste die rechtlichen Grundlagen meines Vorgehens erläutern. Damit war kein Datenschutzverstoß festgestellt. Aber schon die Tatsache, dass ich mich nun wieder selbst erklären musste, belastete mich.
Ich konnte kaum noch begreifen, wie sich die Dinge immer wieder gegen mich drehten. Ich fragte nach dem Umgang mit vertraulichen Informationen, und am Ende wurde mein eigenes Verhalten überprüft. Ich wollte die Beschäftigten schützen, und plötzlich musste ich mich gegen den nächsten Vorwurf verteidigen. Manchmal kam es mir vor, als könne ich überhaupt nichts mehr tun, ohne damit eine neue Auseinandersetzung auszulösen.
Am 31. Januar befasste sich die Gemeinschaftsversammlung schließlich mit den Ereignissen vom 18. Januar. Den betroffenen Mitarbeiterinnen wurde anwaltlicher Beistand ermöglicht. Doch die von mir gewünschte öffentliche Stellungnahme, mit der Übergriffe und Bedrohungen gegen Beschäftigte klar zurückgewiesen werden sollten, kam nicht zustande.
Diese Entscheidung traf mich schwer. Es hätte aus meiner Sicht keine große Erklärung gebraucht, keine Vorverurteilung und keine politische Schuldzuweisung. Ein paar klare Sätze hätten genügt: Dass Beschäftigte ihre Arbeit ohne Angst erledigen können müssen. Dass Beschimpfungen und Bedrängungen nicht akzeptabel sind. Dass die Verwaltungsgemeinschaft hinter ihren Mitarbeiterinnen steht, wenn diese nach einer Sitzung von einer bedrohlichen Situation berichten.
Doch selbst dieses öffentliche Zeichen blieb aus.
In den folgenden Tagen wurde den beiden Mitarbeiterinnen ein persönliches Gespräch mit Vertretern der Gemeinschaftsversammlung angeboten. Anna Falkner schrieb ihnen am 9. Februar, man wolle ihnen vermitteln, wie wichtig es den Verantwortlichen sei, dass Übergriffe nicht toleriert würden.
Am 12. Februar lehnten die beiden Frauen dieses Gespräch gemeinsam ab. Ihre Begründung war eindeutig: Weil offenbar keine Bereitschaft zu einer öffentlichen Stellungnahme bestand, sahen sie auch keinen Gesprächsbedarf.
Am 14. Februar antwortete Anna Falkner im Namen der Gemeinschaftsversammlung, man bedauere die Absage und hätte den Mitarbeiterinnen gerne die eigene Sicht der Ereignisse erläutert. Am folgenden Tag bekräftigte die Mitarbeiterin aus der Kämmerei die Ablehnung noch einmal. Gerade weil es bei dem Gespräch darum gehen sollte, die Sicht der Gemeinschaftsversammlung darzustellen, wollten die Frauen es nicht führen.
Mich beschäftigte dieser Schriftwechsel lange. Die beiden Mitarbeiterinnen lehnten nicht einfach ein Unterstützungsangebot ab. Sie hatten einen konkreten Grund. Sie wollten nicht hinter verschlossenen Türen hören, wie wichtig den Verantwortlichen der Schutz ihrer Beschäftigten sei, während dieselben Verantwortlichen zu einer öffentlichen Erklärung nicht bereit gewesen waren.
Ich konnte ihre Enttäuschung verstehen. Was sollte ein vertrauliches Gespräch für sie ändern, wenn draußen weiterhin der Eindruck bestehen blieb, dass sich die Gemeinschaftsversammlung nicht öffentlich hinter sie stellen wollte? Die Frauen hatten nicht um eine politische Auseinandersetzung gebeten. Sie hatten nach ihren Schilderungen eine bedrohliche Situation erlebt und erwarteten Rückhalt von den Menschen, die Verantwortung für ihre Arbeitsbedingungen trugen.
Für mich war es besonders schmerzhaft, dass nun beinahe wieder die Reaktion der Betroffenen zum Problem wurde. Plötzlich stand im Raum, weshalb die Mitarbeiterinnen ein Gespräch ablehnten, statt darüber zu sprechen, weshalb sie überhaupt in diese Lage geraten waren und weshalb eine öffentliche Erklärung nicht zustande gekommen war.
Auch nach diesen Ereignissen kehrte keine Ruhe ein. Es gab weitere Beschwerden, anwaltliche Gespräche und Verfahren. In einem Gespräch mit unserem Rechtsanwalt erfuhr ich von Hinweisen auf einen Kontakt zwischen Landratsamt und Staatsanwaltschaft in einer anderen Angelegenheit, die eine von mir erstattete Anzeige betraf. Zu diesem Zeitpunkt lag noch keine Akteneinsicht vor, und wir wussten nicht, was tatsächlich besprochen worden war. Ich konnte daraus keine Absprachen ableiten. Aber nach allem, was ich erlebt hatte, verstärkte schon diese Ungewissheit mein Misstrauen.
Ich hatte immer häufiger das Gefühl, dass ich nur noch reagierte. Auf Schreiben, auf Vorwürfe, auf neue Fragen, auf Beschwerden und auf Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Ich wollte meine Arbeit machen, für die Beschäftigten da sein und die Verwaltung durch diese schwierige Zeit führen. Doch immer mehr Kraft floss in Auseinandersetzungen, die scheinbar kein Ende nahmen.
Später wurden mehrere Ermittlungsverfahren eingestellt. Auch das Verfahren wegen des Vorfalls im Rathausfoyer führte nicht zu einer Anklage. Die Staatsanwaltschaft sah die Voraussetzungen einer strafbaren Nötigung nicht als ausreichend nachgewiesen an.
Ich wusste, dass eine strafrechtliche Entscheidung bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen folgen musste. Nicht jede als bedrohlich erlebte Situation erfüllt automatisch einen Straftatbestand. Aber eine Einstellung machte das Erlebte für die betroffenen Frauen nicht ungeschehen. Sie änderte nichts daran, dass Beschäftigte von einer bedrängenden Situation berichtet hatten, und auch nichts an meiner Enttäuschung darüber, dass die öffentliche Erklärung gegen Übergriffe ausgeblieben war.
Währenddessen gingen die Angriffe auf Beschäftigte weiter. Immer wieder wurden Mitarbeiter öffentlich kritisiert, ihre fachlichen Fähigkeiten infrage gestellt und einzelne Vorgänge zum Anlass neuer Auseinandersetzungen gemacht. Eine Mitarbeiterin aus der Kämmerei wurde in einer Gemeinderatssitzung von Sonnenfeld wegen einer Haushaltszahl herabgesetzt, die sie nicht sofort nennen konnte. Daraus wurde der Vorwurf abgeleitet, sie sei nicht in der Lage, einen Haushalt aufzustellen.
Ich empfand solche öffentlichen Angriffe als verletzend und unangemessen. Niemand kann sämtliche Zahlen eines umfangreichen Haushalts jederzeit auswendig nennen. Eine einzelne Frage, die nicht sofort beantwortet werden kann, sagt nichts darüber aus, ob jemand seine Arbeit beherrscht. Doch aus einem solchen Moment konnte plötzlich eine öffentliche Bewertung der gesamten fachlichen Kompetenz werden.
Auch auf einer Internetseite, deren Betreiber Herr Wiesner war, wurden Beschäftigte öffentlich kritisiert. Für mich wurde immer deutlicher, dass die Auseinandersetzungen längst nicht mehr nur den Bürgermeister und mich betrafen. Menschen, die Tag für Tag ihre Arbeit erledigten, gerieten in den Mittelpunkt öffentlicher Angriffe und mussten damit leben, dass über ihre Fähigkeiten, ihre Haltung und ihre Arbeit diskutiert wurde.
Ich versuchte, die Beschäftigten zu schützen und ihnen Rückhalt zu geben. Doch gleichzeitig spürte ich, wie meine eigenen Kräfte schwanden. Ich wurde vorsichtiger, misstrauischer und zunehmend erschöpft. Ich öffnete Nachrichten mit Beklemmung und überlegte immer genauer, wem ich noch vertrauen konnte. Selbst zu Hause gelang es mir immer seltener, die Ereignisse hinter mir zu lassen.
Es gab Tage, an denen ich mich fragte, wie lange ein Mensch das aushalten konnte. Wie lange man sich immer wieder rechtfertigen konnte, ohne irgendwann die Kraft zu verlieren. Wie lange man morgens zur Arbeit gehen konnte, wenn man bereits wusste, dass der nächste Vorwurf vielleicht schon auf einen wartete.
Doch das Schlimmste kam erst noch.
Denn irgendwann erreichte die Feindseligkeit nicht mehr nur mich und die Beschäftigten. Sie erreichte meine Familie.
Mein Sohn war damals vierundzwanzig Jahre alt. Auf einem Volksfest wurde er nach seiner Schilderung von einem offenbar angetrunkenen Mann aus Falkenried aggressiv angesprochen. Der Mann sagte, seine Mutter solle sich aus dem Ort schleichen. Man wolle mich dort nicht. Ich solle abhauen.
Die Situation spitzte sich so weit zu, dass es beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen wäre.
Als mein Sohn mir davon erzählte, war ich fassungslos. Ich konnte nicht begreifen, wie jemand auf die Idee kommen konnte, meinen Sohn wegen meiner beruflichen Tätigkeit anzugehen. Er hatte mit den politischen Auseinandersetzungen nichts zu tun. Er hatte keine Entscheidungen im Rathaus getroffen, keine Unterlassungsaufforderungen verschickt und niemanden öffentlich angegriffen. Trotzdem musste er sich wegen seiner Mutter beschimpfen lassen.
Bis dahin hatte ich gehofft, wenigstens meine Kinder aus diesen Konflikten heraushalten zu können. Ich konnte es ertragen, dass Menschen mich kritisierten, auch wenn mich vieles tief verletzte. Ich konnte versuchen, mich gegen öffentliche Behauptungen zu wehren, Unterlagen zusammenstellen, Stellungnahmen verfassen und anwaltlichen Rat einholen. Aber wie sollte ich verhindern, dass jemand meinen Sohn auf einem Volksfest anging?
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich hatte mich bewusst für eine verantwortungsvolle berufliche Aufgabe entschieden. Meine Kinder nicht. Sie hatten sich nicht entschieden, Teil eines kommunalpolitischen Konflikts zu werden. Sie sollten nicht für etwas angegriffen werden, das mit ihrem eigenen Leben überhaupt nichts zu tun hatte.
Als ich erfuhr, was meinem Sohn passiert war, empfand ich neben der Wut vor allem Angst. Nicht mehr nur um mich, sondern um meine Familie. Ich musste erkennen, dass selbst die Grenze zwischen meiner beruflichen Tätigkeit und dem Privatleben meiner Kinder nicht mehr selbstverständlich respektiert wurde.
Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, sehe ich keine voneinander unabhängigen Vorfälle. Ich sehe eine Entwicklung, die sich über Monate immer weiter zugespitzt hatte. Aus öffentlichen Behauptungen über die Personalsituation wurden anwaltliche Auseinandersetzungen. Aus dem alten politischen Bruch von 2020 wurde eine Feindschaft, in die ich hineingezogen wurde, obwohl ich mit ihrem Ursprung nichts zu tun hatte. Es folgten anonyme Briefe, öffentliche Angriffe und ein offener Brief der Beschäftigten, die darum baten, endlich aus den politischen Machtkämpfen herausgehalten zu werden.
Dann kam der 18. Januar 2024.
Zwei Mitarbeiterinnen berichteten davon, nach einer Gemeinderatssitzung von einer aufgebrachten Gruppe bedrängt und beschimpft worden zu sein. Noch vor der nächsten Sitzung wurde Menschen aus dieser Gruppe Gelegenheit gegeben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Das Landratsamt verwies auf das Recht, sich zu versammeln und miteinander zu sprechen. Die von mir gewünschte öffentliche Erklärung gegen Übergriffe auf Beschäftigte kam nicht zustande. Die betroffenen Frauen lehnten ein später angebotenes persönliches Gespräch ab, weil sie gerade dieses öffentliche Zeichen vermissten.
Und während die Auseinandersetzungen weitergingen, erreichte die Feindseligkeit schließlich meinen Sohn.
Was mich in dieser Zeit am meisten erschütterte, war nicht allein die Härte der Angriffe. Es war die Erfahrung, dass die Grenzen, an die ich immer geglaubt hatte, offenbar nicht für alle selbstverständlich waren. Ich hatte geglaubt, dass man politische Gegner kritisieren konnte, ohne Beschäftigte einzuschüchtern. Dass man über Verwaltungsentscheidungen streiten konnte, ohne einzelne Mitarbeiter öffentlich herabzusetzen. Und dass selbst Menschen, die einen zutiefst ablehnten, wenigstens die Familie aus solchen Konflikten heraushalten würden.
Ich musste erleben, wie brüchig diese Grenzen waren.
Seit dem 18. Januar 2024 war für mich das Tor zur Hölle geöffnet.
Ich wusste damals noch nicht, wie viel Kraft mich die kommenden Monate kosten würden und wie sehr sich die Auseinandersetzungen noch auf mein Leben auswirken sollten. Ich wusste nur, dass ich nicht länger darauf vertrauen konnte, dass die Dinge von allein wieder zur Ruhe kommen würden.
Aber eines wollte ich nicht zulassen: dass andere Menschen allein darüber bestimmten, wer ich war und welche Geschichte über mein Leben erzählt wurde.
Deshalb schreibe ich sie auf. Nicht, weil ich die vergangenen Jahre noch einmal durchleben möchte, sondern weil ich nicht länger schweigen will über das, was sie mit mir gemacht haben.
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