Schon in den ersten Tagen meiner neuen Tätigkeit in Falkenried zeigte sich, dass es in der Verwaltung einige dringende Probleme gab. Irmgard Hartmann, die unter anderem für Personalangelegenheiten und EDV zuständig war, suchte das Gespräch mit mir und schilderte mir die Situation. Es fehlten ein Datenschutzbeauftragter und ein Informationssicherheitsbeauftragter, die Homepage war technisch veraltet, und auch bei der IT bestand erheblicher Handlungsbedarf. Für mich waren das wichtige Themen, die nicht länger aufgeschoben werden durften. Ich nahm ihre Hinweise ernst und begann, nach geeigneten Lösungen zu suchen.

Während ich mich mit diesen Aufgaben beschäftigte, erfuhr ich nach und nach von Auseinandersetzungen, die bereits lange vor meiner Ankunft begonnen hatten. Zunächst versuchte ich, diese Erzählungen nicht überzubewerten. Ich wollte die Menschen selbst kennenlernen und mir ein eigenes Bild machen, statt mich von früheren Konflikten beeinflussen zu lassen. Doch schon bald merkte ich, dass manche dieser Vorgeschichten auch meine Arbeit berührten.

Alte Konflikte

Im Einwohnermeldeamt hatte Heidi Winter gekündigt, was die personelle Situation zusätzlich erschwerte. Später wurde mir berichtet, dass meine Einstellung bei ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt haben soll. Das überraschte mich, denn wir hatten noch nie zusammengearbeitet. Ich erfuhr von früheren beruflichen Auseinandersetzungen, bei denen mein Mann ihr Vorgesetzter gewesen war. Ob diese Vorgeschichte tatsächlich ausschlaggebend für ihre Kündigung war, wusste ich nicht. Trotzdem beschäftigte mich der Gedanke, dass jemand möglicherweise Vorbehalte gegen mich hatte, ohne mich überhaupt zu kennen.

Auch zwischen den Bürgermeistern der beiden Mitgliedsgemeinden bestanden Spannungen. Anna Falkner, die Bürgermeisterin von Sonnenfeld, suchte früh das Gespräch mit mir und äußerte sich kritisch über Lorenz Bergmann, den Bürgermeister von Falkenried. Ich hörte ihr zu, wollte mich jedoch nicht in die bestehenden politischen Auseinandersetzungen hineinziehen lassen. Für mich war entscheidend, mit beiden zusammenzuarbeiten und meine Aufgaben unabhängig von persönlichen Interessen zu erfüllen. Ich war schließlich für die gesamte Verwaltungsgemeinschaft verantwortlich.

Damals glaubte ich, dass ich mit dieser Haltung gut zurechtkommen würde. Ich musste mich nicht auf eine Seite stellen, um meine Arbeit ordentlich zu machen. Doch bereits meine erste Gemeinderatssitzung zeigte mir, wie schwierig es werden konnte, sich aus den örtlichen Konflikten herauszuhalten.

Meine erste Gemeinderatssitzung

Ich war noch keine drei Wochen im Amt, als meine erste Gemeinderatssitzung stattfand. Obwohl ich über langjährige Verwaltungserfahrung verfügte, war ich angespannt. Die Menschen im Gemeinderat kannte ich kaum, und die politischen Verhältnisse waren mir noch nicht vertraut. Ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen und meine neue Aufgabe von Anfang an gewissenhaft erfüllen.

Bereits im Vorfeld hatte sich ein schwieriger Vorgang ergeben. Nach den mir vorliegenden Informationen hatte ein Gemeinderatsmitglied, das ich hier Thomas Seifert nenne, Inhalte aus einer nichtöffentlichen Sitzung nach außen weitergegeben. Bürgermeister Lorenz Bergmann fragte mich, welche Möglichkeiten es gab, darauf zu reagieren. Ich prüfte die kommunalrechtliche Situation und erläuterte meine Einschätzung, wonach das Verhalten im Gemeinderat aufgegriffen und mündlich gerügt werden konnte.

Ich ging davon aus, dass es sich um eine sachliche Angelegenheit handelte. Schließlich hatte ich lediglich eine rechtliche Frage beantwortet. Während der Sitzung entwickelte sich die Diskussion jedoch in eine Richtung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Statt sich ausschließlich mit dem eigentlichen Vorgang zu beschäftigen, geriet zunehmend die Verwaltung in die Kritik. Da ich die rechtliche Einschätzung abgegeben hatte, fühlte ich mich unmittelbar angesprochen.

Es war nicht die Tatsache, dass meine Auffassung hinterfragt wurde, die mich verletzte. Unterschiedliche Meinungen gehörten zu meiner Arbeit, und darüber konnte man diskutieren. Was mich traf, war die Art der Auseinandersetzung. Ich war erst seit wenigen Wochen in Falkenried und hatte den Vorgang weder verursacht noch eine persönliche Konfrontation gesucht. Dennoch hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich meine Aufgabe erfüllt hatte.

Am Ende blieb es bei einer mündlichen Rüge. Ich hoffte, dass die Angelegenheit damit abgeschlossen sein würde, doch der unangenehmste Moment dieses Abends stand mir noch bevor.

Eine Begegnung nach der Sitzung

Als die Sitzung beendet war, kam Stefan Lindner auf mich zu. Ich wusste, dass es zwischen ihm und dem Bürgermeister eine politische Vorgeschichte gab, mit der ich selbst nichts zu tun hatte. Wir kannten uns kaum, und ich hatte keinen Anlass, mit einer persönlichen Auseinandersetzung zu rechnen.

Stefan trat so dicht an mich heran, dass wir uns beinahe Nase an Nase gegenüberstanden. Dann fragte er mich sinngemäß, seit wann in dieser Gemeinde eigentlich Recht und Gesetz gelten würden. Anschließend sagte er, ich würde mich noch wundern. Ich war fassungslos, denn nicht nur seine Worte, sondern vor allem seine unmittelbare Nähe und sein Tonfall empfand ich als einschüchternd.

Ich verstand nicht, warum meine fachliche Einschätzung eine solche Reaktion auslöste. Natürlich konnte man über rechtliche Fragen unterschiedlicher Meinung sein, doch das rechtfertigte für mich keinen derartigen Umgang miteinander. Ich war neu in der Gemeinde und hatte bisher kaum Gelegenheit gehabt, die Menschen kennenzulernen. Umso mehr beschäftigte mich die Frage, weshalb mir Stefan auf diese Weise gegenübertrat.

Der damalige Zweite Bürgermeister bemerkte die Situation und ging dazwischen. Sinngemäß wies er darauf hin, dass es meine erste Sitzung sei und man jetzt einmal halblang machen solle. Ich war erleichtert, dass jemand die Situation wahrgenommen hatte, doch die Begegnung ließ mich nicht los. Auf der Heimfahrt gingen mir seine Worte immer wieder durch den Kopf. Was hatte er damit gemeint, dass ich mich noch wundern würde? War es eine Bemerkung im Ärger gewesen oder sollte ich darin eine Warnung sehen?

Dabei erinnerte ich mich an einen Satz meines Vorgängers. Er hatte einmal sinngemäß gesagt, dieser Gemeinderat brauche keinen Geschäftsleiter, sondern einen Pädagogen. Bei unserem ersten Gespräch hatte ich diese Bemerkung für übertrieben gehalten. Nach meiner ersten Sitzung konnte ich zumindest erahnen, weshalb er zu dieser Einschätzung gekommen war.

Der Abend hatte mich enttäuscht, aber ich wollte mich davon nicht entmutigen lassen. Schließlich war ich nach Falkenried gekommen, um etwas zu bewegen, und es gab genügend Aufgaben, die meine Aufmerksamkeit brauchten.

Gut gemeint – und doch falsch verstanden

In den folgenden Wochen konzentrierte ich mich auf die Probleme, die Irmgard Hartmann mir zu Beginn geschildert hatte. Für Datenschutz und Informationssicherheit suchte ich professionelle externe Unterstützung. Innerhalb weniger Monate konnten die notwendigen Schritte geregelt werden. Auch für die veraltete Homepage fand ich einen geeigneten Anbieter, der bereits andere Gemeinden betreute. Bei der IT wollte ich ebenfalls auf fachkundige Unterstützung zurückgreifen, um die Verwaltung langfristig besser aufzustellen.

Dabei ging es mir nicht nur darum, technische Mängel zu beheben. Ich wollte auch die Beschäftigten entlasten, denn gerade die Betreuung einer Homepage oder die Organisation der IT konnte neben den eigentlichen Verwaltungsaufgaben viel Zeit beanspruchen. Deshalb erschien es mir sinnvoll, bestimmte Tätigkeiten an spezialisierte Fachfirmen abzugeben.

Besonders Irmgard wollte ich damit helfen. Sie hatte mir selbst erklärt, dass sie mein Arbeitstempo nicht mitgehen könne, und ich wollte vermeiden, dass die anstehenden Veränderungen ihre Belastung noch erhöhten. Als ich ihr mitteilte, dass künftig eine externe Firma die Homepage betreuen würde, rechnete ich deshalb eher mit Erleichterung als mit Widerstand.

Doch ihre Reaktion überraschte mich. Sie sagte sinngemäß, ich würde ihr ihr Baby wegnehmen. Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich hatte geglaubt, ihr eine zeitaufwendige Aufgabe abzunehmen, und musste nun feststellen, dass sie meine Entscheidung offenbar als Verlust empfand.

Ich versuchte, ihre Reaktion zu verstehen. Vielleicht hatte sie die Homepage über lange Zeit betreut und viel persönliche Arbeit hineingesteckt. Möglicherweise war diese Aufgabe für sie deshalb mit mehr verbunden als mit einer bloßen Zuständigkeit. Gleichzeitig blieb für mich die Verantwortung bestehen, die Verwaltung zuverlässig und fachgerecht zu organisieren. Ich wollte ihre bisherige Arbeit nicht gering schätzen, sondern eine Lösung finden, die den Anforderungen der Gemeinde gerecht wurde.

Diese Erfahrung machte mir deutlich, dass organisatorische Veränderungen nicht allein nach ihrer fachlichen Zweckmäßigkeit beurteilt wurden. Hinter manchen Aufgaben standen persönliche Bindungen, die ich als neue Geschäftsstellenleiterin noch nicht kannte. Das erklärte zwar nicht jede Reaktion, half mir aber, die Schwierigkeiten besser einzuordnen.

Die Verantwortung wuchs

Wenig später fiel Irmgard krankheitsbedingt aus. Damit verschärfte sich die personelle Situation erheblich, denn Heidi Winter hatte bereits gekündigt und nun fehlte eine weitere Mitarbeiterin mit wichtigen Zuständigkeiten. Gleichzeitig musste ich mich noch immer in die Abläufe einarbeiten und zahlreiche offene Vorgänge bearbeiten.

Die laufenden Personalangelegenheiten konnten nicht liegen bleiben. Verträge mussten vorbereitet, organisatorische Fragen geklärt und Entscheidungen getroffen werden. Also übernahm ich diese Aufgaben zusätzlich. Ich machte mir darüber zunächst keine großen Gedanken, denn für mich stand im Vordergrund, dass die Verwaltung trotz der Ausfälle funktionieren musste.

Auch die Ausbildung unserer Auszubildenden Verena Sommer beschäftigte mich. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie bisher nicht ausreichend in die verschiedenen Arbeitsbereiche eingebunden worden war. Deshalb begann ich, ihre Tätigkeit stärker am Ausbildungsplan auszurichten, damit sie unterschiedliche Abteilungen kennenlernen und praktische Erfahrungen sammeln konnte. Mir war wichtig, dass sie eine fundierte Ausbildung erhielt und die Zusammenhänge der Verwaltungsarbeit verstand.

Nicht jede dieser Veränderungen wurde sofort begrüßt. Manchmal fiel es mir schwer nachzuvollziehen, weshalb selbst Maßnahmen, die aus meiner Sicht sinnvoll und notwendig waren, auf Vorbehalte stießen. Dennoch sah ich keinen Grund, meine Arbeit deshalb einzustellen. Die Verwaltung brauchte Lösungen, und ich war entschlossen, sie zu finden.

Es gab schließlich auch Fortschritte. Die dringendsten technischen Themen waren angegangen, und bei der Suche nach personeller Unterstützung konnte ich auf Kontakte aus meiner früheren Tätigkeit zurückgreifen. Ich kannte erfahrene Kolleginnen und Kollegen und wusste, dass es Möglichkeiten gab, die offenen Stellen wieder zu besetzen. Das gab mir Zuversicht, auch wenn die Tage zunehmend arbeitsreich wurden.

Was ich damals noch nicht erkannte

Wenn ich heute auf diese ersten Monate zurückblicke, erinnere ich mich vor allem an meinen Tatendrang. Ich wollte die Verwaltung voranbringen, und die ersten Fortschritte bestärkten mich darin, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Selbst die schwierigen Begegnungen und die zusätzlichen Aufgaben änderten zunächst nichts an meiner Überzeugung, dass sich die Situation mit Geduld und konsequenter Arbeit verbessern würde.

Die zwischenmenschlichen Spannungen beschäftigten mich zwar, doch ich hoffte, dass mit der Zeit Vertrauen entstehen würde. Ich konnte nicht wissen, welche Bedeutung manche dieser Auseinandersetzungen später noch bekommen sollten. Für mich waren es damals einzelne Schwierigkeiten, wie sie bei einem beruflichen Neuanfang auftreten konnten, auch wenn einige davon ungewöhnlich heftig waren.

Dass ich zunehmend Aufgaben übernahm, für die eigentlich mehrere Menschen zuständig gewesen wären, erschien mir zunächst notwendig. Ich dachte nicht darüber nach, wie lange ich dieses Tempo durchhalten konnte, sondern konzentrierte mich darauf, was als Nächstes erledigt werden musste.

Ich war voller Zuversicht und sagte mir immer wieder: Das schaffe ich irgendwie.

Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr ich mich an diesen Satz klammern würde. Denn während ich versuchte, eine Aufgabe nach der anderen zu lösen, begann sich etwas zu entwickeln, auf das mich niemand vorbereitet hatte.

Und das stand auf keiner Liste.


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