Kapitel 5 – Die 1,4

Wie eine Ausbildung zum Ausgangspunkt einer öffentlichen Auseinandersetzung wurde

Als ich im Februar 2022 die Geschäftsleitung der Verwaltungsgemeinschaft Falkenried übernahm, ahnte ich nicht, dass mich ausgerechnet die Ausbildung einer jungen Frau noch Jahre später beschäftigen würde. Damals hatte ich ganz andere Sorgen. Ich musste mich in eine neue Verwaltung einarbeiten, Abläufe kennenlernen, Entscheidungen treffen und versuchen, in einer bereits angespannten Situation Ordnung und Verlässlichkeit herzustellen. Die Ausbildung von Verena Sommer war zunächst nur eine von vielen Aufgaben, für die ich plötzlich Verantwortung trug. Sie hatte im September 2020 begonnen und befand sich bereits im zweiten Ausbildungsjahr. Ich hatte sie weder miteingestellt noch ihre bisherige Ausbildung organisiert. Dennoch war es nun meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie die erforderlichen Kenntnisse erwarb und am Ende ihrer Ausbildung tatsächlich auf den Beruf einer Verwaltungsfachangestellten vorbereitet war.

Je intensiver ich mich mit ihrer Ausbildung beschäftigte, desto größer wurden meine Sorgen. Die praktische Ausbildung war nicht so strukturiert, wie ich es für notwendig hielt. Eine Verwaltungsfachangestellte muss unterschiedliche Fachbereiche kennenlernen, rechtliche Zusammenhänge verstehen und wissen, wie Verwaltungsentscheidungen vorbereitet und umgesetzt werden. Genau diese praktische Erfahrung erschien mir bei Verena nicht ausreichend vorhanden. Ich fragte mich, wie die verbleibende Ausbildungszeit noch sinnvoll genutzt werden konnte, um die Lücken zu schließen. Dabei ging es mir nicht darum, Verena unter Druck zu setzen. Ich wollte verhindern, dass sie nach drei Jahren Ausbildung mit fachlichen Unsicherheiten in einen Beruf ging, in dem Fehler erhebliche Folgen haben können.

Dann kamen die Ergebnisse ihrer verwaltungsfachlichen Zwischenprüfung hinzu. Die Bewertungen lagen bei 4 und 4,5. Ich war erschrocken, denn diese Ergebnisse bestätigten meine Sorge, dass erheblicher Nachholbedarf bestand. Eine Zwischenprüfung ist kein bedeutungsloses Stück Papier. Sie soll zeigen, wo eine Auszubildende steht und welche Kenntnisse noch fehlen. Ich hätte diese Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und die Angelegenheit anschließend einfach weiterlaufen lassen können. Aber das wäre für mich ein Versagen meiner Verantwortung gewesen. Ich hatte die Geschäftsleitung übernommen, um meine Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen, und dazu gehörte auch, Schwierigkeiten anzusprechen, selbst wenn das unangenehm wurde.

Ich begann deshalb, die weitere Ausbildung verbindlicher zu organisieren. Verena sollte die noch fehlenden praktischen Erfahrungen sammeln und ihre Lernzeit sinnvoll nutzen können. Auch die Meldung von Fehlzeiten musste eindeutig geregelt werden. Von der Berufsschule waren Hinweise auf nicht ordnungsgemäß entschuldigte Abwesenheiten gekommen, während andere Unterlagen dazu widersprüchliche Angaben enthielten. Ich wollte diese Unklarheiten nicht bestehen lassen. Krankmeldungen mussten künftig zuverlässig erfolgen, und die Lernnachmittage sollten im Rathaus stattfinden, damit die Ausbildung besser begleitet werden konnte. Für mich waren das nachvollziehbare Maßnahmen, um eine schwierige Ausbildung zu stabilisieren. Doch was ich als notwendige Ordnung betrachtete, führte zu immer neuen Auseinandersetzungen.

Im September 2022 war die Situation schließlich so angespannt, dass ein Gespräch über den Ausbildungsstand und die weiteren Anforderungen stattfinden musste. Auch Verenas Eltern mischten sich ein. Ihr Vater beanstandete Maßnahmen und stellte arbeitsrechtliche Schritte in Aussicht. Ich erinnere mich noch daran, wie sehr mich diese Entwicklung beschäftigte. Ich hatte eine Ausbildung übernommen, bei der ich erhebliche Schwierigkeiten sah, und versuchte, in der verbleibenden Zeit gegenzusteuern. Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, musste ich mich zunehmend dafür rechtfertigen, dass ich überhaupt Anforderungen stellte. Ich fragte mich, ob man von mir erwartete, die Prüfungsergebnisse zu ignorieren und einfach so zu tun, als sei alles in Ordnung. Doch das konnte ich nicht. Wer eine Ausbildung verantwortet, darf Schwierigkeiten nicht übersehen, nur weil ihre Aufarbeitung Konflikte auslöst.

Besonders bitter war für mich, dass ich diese Probleme nicht verursacht hatte. Verena befand sich bereits seit eineinhalb Jahren in der Ausbildung, als ich meine Stelle antrat. Ich konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber ich konnte versuchen, die verbleibende Zeit sinnvoll zu gestalten. Dafür investierte ich Gespräche, Überlegungen und Kraft, die ich angesichts meiner übrigen Aufgaben dringend an anderer Stelle gebraucht hätte. Ich erwartete dafür keinen Dank. Aber ich hätte mir gewünscht, dass zumindest anerkannt wurde, weshalb ich handelte. Stattdessen entwickelte sich eine Auseinandersetzung, in der ich immer häufiger das Gefühl bekam, nicht die Schwierigkeiten der Ausbildung stünden im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob ich überhaupt berechtigt war, verbindliche Anforderungen zu stellen.

Als Verena im Sommer 2023 ihre Ausbildung abschloss und die Verwaltung verließ, war ich erleichtert. Ich hoffte, dass die schwierigen Monate nun hinter uns lagen. Ihre Berufsschulabschlussnote betrug 1,4, die Abschlussnote der Verwaltungsschule 2,6. Beide Zeugnisse lagen vor. Ich bestritt die gute Berufsschulnote nicht, doch sie war eben nur ein Teil des Ausbildungsergebnisses. Nach der von der Gemeinde Falkenried angewandten Regelung mussten für die Schülerehrung beide Abschlussnoten berücksichtigt werden. Ihr Durchschnitt betrug 2,0; erforderlich war ein Durchschnitt von 1,5 oder besser. Damit waren die Voraussetzungen für die Ehrung nicht erfüllt. Für mich war das eine sachliche Entscheidung, die nichts mit persönlichen Sympathien oder den früheren Schwierigkeiten während der Ausbildung zu tun hatte.

Ich dachte, damit sei die Angelegenheit beendet. Verena hatte ihre Ausbildung abgeschlossen und einen neuen beruflichen Weg eingeschlagen. Ich wollte mich wieder auf die Aufgaben konzentrieren, die täglich auf meinem Schreibtisch lagen. Doch wenige Monate später musste ich erleben, dass die Schwierigkeiten während ihrer Ausbildung plötzlich in einem völlig anderen Zusammenhang öffentlich diskutiert wurden. Verena und ihre Eltern schilderten gegenüber der Presse ihre Enttäuschung über die nicht erfolgte Schülerehrung und kritisierten den Umgang mit ihr. Aus einer Entscheidung über die Voraussetzungen einer Auszeichnung wurde eine Geschichte über eine junge Frau, die sich ungerecht behandelt fühlte. Ich las die Berichte und dachte an die Monate zurück, in denen ich versucht hatte, die Ausbildung auf einen geordneten Weg zu bringen. Mir war klar, dass ich diese Vorgeschichte nicht einfach öffentlich ausbreiten durfte, denn sie betraf vertrauliche Ausbildungs- und Personalangelegenheiten. Genau darin lag für mich die besondere Grausamkeit dieser Situation: Andere konnten ihre Version der Geschichte erzählen, während ich die Gründe für meine Entscheidungen nur eingeschränkt erklären durfte.

Noch ahnte ich nicht, dass dies erst der Anfang war. Denn auf die öffentliche Kritik der Familie Sommer folgte schon bald die nächste Stimme. Wiltrud Neumann, eine ehemalige Mitarbeiterin, mit der es bereits berufliche Spannungen gegeben hatte, stellte sich öffentlich hinter Verena und weitete die Kritik auf die Arbeitsbedingungen im gesamten Rathaus aus. Und dann kam eine Verbindung hinzu, die mich besonders beschäftigte: Robert Wegner, Wiltruds Cousin und selbst freier Journalist bei der regionalen Heimatzeitung, hatte den Kontakt zur Zeitung hergestellt. Innerhalb weniger Tage war aus der Geschichte einer Schülerehrung eine öffentliche Debatte über meine gesamte Tätigkeit als Geschäftsstellenleiterin geworden.

Die Spiele waren eröffnet. Und ich hatte noch keine Vorstellung davon, wie weit diese Auseinandersetzung gehen würde.


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